23. April 2010

Vier Tröbitzer erzählen, wie sie den 23. April 1945 erlebten

 Manche Kindheitserinnerungen verblassen mit der Zeit. Aber nicht, was Horst Müller, Otto Lehmann, Werner Mann und Fritz Socher als Steppkes erlebt haben. Sie gehören mit zu den letzten Zeitzeugen, deren Augen gesehen haben, was am 23. April 1945 Schreckliches in Tröbitz passiert war. Ein langer Zug mit 46 Waggons, vollgepfercht mit Menschen, stand am Bahnkilometer 106,7. Ein Bild des Grauens bot sich den Sowjetsoldaten, als sie in den Morgenstunden die Türen der Wagen aufschoben.

„Dieses Bild werde ich mein Leben lang nicht vergessen, das hat sich fest ins Gedächtnis eingebrannt“, erzählt der 73-jährige Horst Müller, der damals acht Jahre alt war. „Viele Menschen waren nur noch Skelette, sie konnten kaum gehen. Viele mussten mit Schubkarren und Handwagen vom Zug zu den Häusern transportiert werden.“ Für mehr als 2000 kranke und ausgehungerte Menschen, allesamt Juden aus ganz Europa und Amerika, die vom KZ Bergen Belsen in das KZ Theresienstadt und weiter zu den Gaskammern transportiert werden sollten, war die 700-Seelen-Gemeinde der Ort ihrer Befreiung und die Endstation einer 13-tägigen Irrfahrt ohne Nahrung und Hygiene. Mehr als 550 Zuginsassen verstarben unterwegs und wurden am Bahndamm beerdigt. Nicht alle, die sich kraftlos durch Tröbitz schleppten oder schleppen ließen, überlebten. 320 jüdische Kinder, Frauen und Männer starben fern ihrer Heimat. Auch für die Einwohner der Gemeinde sollte sich das Leben von einem Tag zum anderen ändern – der Krieg und seine unmenschlichen Folgen hatten jedes Haus, jede Familie erreicht. „Dass Hitler so mit Menschen umgegangen ist, hat sich wohl kaum einer vorstellen können“, sagt Horst Müller. Auch im Haus des Schuhmachermeisters musste man zusammenrücken. 14 Juden ergriffen Besitz von den Zimmern im Obergeschoss. Als Kind habe er nicht verstanden, weshalb die Fremden einfach in den Keller gingen und sich den Mund mit den dort gelagerten Esswaren vollstopften.

Sochers am anderen Ende des Dorfes hatte es schlimmer getroffen. Bereits am Vorabend bettelten Fremde, die den Zug verlassen hatten, nachdem die Wachmannschaften geflüchtet waren, nach Brot und Wasser. „Am anderen Morgen war ein Kommen und Gehen bei uns“, erinnert sich Fritz Socher. Die Hungernden stürzten sich auf die vielen Esswaren im Kolonial- und Lebensmittelgeschäft. Sochers selbst mussten ihr Haus verlassen, zum Nachbarn ziehen und Platz für 40 Einquartierte machen. Anfang Juni steckte sich seine Mutter mit Typhus an, kam ins Lazarett und starb. Sie teilte das Schicksal mit 25 Tröbitzern, die ebenfalls durch die Krankheit den Tod fanden. „Ich habe, damals zehn Jahre alt, mit Großvater Mutters Sarg gezimmert“, erzählt Fritz Socher.

Werner Mann hatte seit der Wende zu mehr als 20 ehemaligen Tröbitzer Juden Kontakt, er besuchte 1995 erstmals einige in Israel.
Als Neunjähriger habe er beobachtet, wie sein Opa und andere Männer des Dorfes mit Pferd und Wagen zum Lager Nordfeld fuhren, wo die meisten Zuginsassen untergebracht waren – und viele täglich starben. „Die Toten wurden in Tücher und Decken gewickelt und zu den Massengräbern gebracht“, weiß Otto Lehmann noch. In Lehmanns Haus waren drei jüdische Familien untergebracht, eine Frau sei im Haus gestorben, erinnert sich der heute 74-Jährige. Und auch an Gutes: „Als amerikanische Soldaten im Sommer die West-Juden in ihre Heimat zurückholten, habe ich das erste Mal Kaugummi gekaut, den ich von den Amis geschenkt bekam.“

Otto Lehmann: Tote in Tüchern.
Aus Angst vor den Russen saß die Gastwirtsfamilie Mann im Keller, als am 23. April die Tür aufging und ein abgemagerter Mann in die erstarrten Gesichter blickte. Monatelang wohnten etliche Juden im Wohnhaus, während die Familie nach hinten in die Kegelhalle zog. 1995 hatte Manfred Rosenbaum, wie der Mann von der ersten Keller-Begegnung hieß, Familie Mann nach Tel Aviv eingeladen – „als Wiedergutmachung für die Hühner, die ich auf eurem Hof geschlachtet habe“, sagte er. Als Werner Mann in Israel 200 Juden gegenüberstand, die alle den Todeszug und Tröbitz überlebt hatten, und Arieh Koretz sich bei den Tröbitzern für ihre Aufnahme und Rettung bedankte, suchte Werner Mann nach den richtigen Worten. Und die kamen dann aus seinem Herzen: „Als Fremder bin ich gekommen, als Freund verlasse ich Euch.“
 

Von Dieter Babbe