19. September 2009

Spiegelonline: Die Schöne und der Brie

Aus Leverkusen und Goßmar berichtet Björn Hengst


Beide wollen für die Linke in den Bundestag einziehen - und könnten doch kaum unterschiedlicher sein: die Kommunistin Sahra Wagenknecht und der Realo André Brie. Das Duo steht für die große ungeklärte Frage in der Linken: Wohin steuert die Partei eigentlich?

Mit Briefkästen kennt sich André Brie neuerdings aus. Boxen aus Metall, Kisten aus Plastik, einfach kantig oder mit geschwungenen Linien, der 59-Jährige hat in den vergangenen Wochen viele Modelle gesehen. "Über Briefkästen müsste man ein Buch schreiben", findet Brie und wirft seinen Flyer in einen Postschlitz. Auf der anderen Seite der Tür kläfft ein Hund.

Goßmar in Südbrandenburg, ein kleiner Ort mit ein paar Höfen, außer Landwirtschaft gibt es hier nicht viel. Brie, graues Haar, Seitenscheitel, dunkle Hose, unter dem schwarzen Sakko ein Poloshirt im Partei-Rot seiner Linken, lässt kein Haus aus - und wenn er einem der wenigen Menschen auf den Straßen begegnet, dann hat er einen Satz parat: "Guten Tag, ich kandidiere im Wahlkreis 66 für den Deutschen Bundestag, hier habe ich Material für Sie zur Information."

Manche nehmen die Unterlagen, es folgt ein kurzes Gespräch, andere sagen "Hab' ich schon" und gehen weiter. Wahlkampf kann zäh sein, und Brie erlebt ihn in dieser Form zum ersten Mal. Früher war er Wahlkampfleiter der PDS, damals hat er seinen Genossen gesagt, wie sie um Stimmen zu werben haben. "Da war ich der Theoretiker", sagt Brie. Jetzt ist er für die Linke selbst auf Straßen und Plätzen unterwegs.

Sein Plan war eigentlich ein anderer, denn bis vor wenigen Monaten saß er noch im Europaparlament und dort wäre er gern geblieben. Aber die Genossen wollten den proeuropäischen Realo und Kritiker von Parteichef Oskar Lafontaine nicht mehr nach Straßburg schicken, bei seiner Kandidatur für die Europawahl im vergangenen Juni ließen sie ihn durchfallen.

Bries Scheitern war Ausdruck des Flügelkampfes in der Linken: pragmatische Realos gegen fundamentalistische Dogmatiker. Die Abstimmungsniederlage des promovierten Politologen auf dem Parteitag in Essen quittierten manche Delegierte mit Applaus.

"Die ganze Konstruktion ist fragil"

Über den parteiinternen Konflikt zwischen Gemäßigten und Radikalen will in der Berliner Parteizentrale derzeit niemand sprechen. Es ist Wahlkampf, da redet man lieber über die Erfolge im Saarland und in Thüringen. Aber Brie ist sich sicher, dass die Auseinandersetzungen nur vertagt wurden. "Die ganze Konstruktion ist fragil", sagt er über seine Partei, die sich vor etwas mehr als zwei Jahren aus Linkspartei.PDS und WASG zur Linken formte: Ost-Linke, West-Fundamentalisten, enttäuschte Sozialdemokraten, Kommunisten, Trotzkisten, Realos - die Positionen sind oft unvereinbar.

"Wir müssen eine Kultur entwickeln, dass man Kompromisse nicht als Übel betrachtet", sagt Brie. Und deshalb hofft er auf eine Programmdebatte, in der die Genossen über strategische Ziele und mögliche Bündnisse sprechen. In einem Essay für den SPIEGEL bilanzierte er im Juni, dass stattdessen "Verrats- und Verschwörungstheorien, hohle Links-Rechts-Klassifizierungen, grobschlächtige Freund-Feind-Raster" dominieren würden.

Ihre Programmdebatte wird die Linke nach der Bundestagswahl führen, noch fehlt ein solches Grundsatzdokument - welche Kräfte sich durchsetzen werden, ist ungewiss. Brie hofft auf eine Linke, die Politik auch in Regierungsverantwortung gestalten will, er selbst trifft sich regelmäßig mit Vertretern von Grünen und Sozialdemokraten zum Austausch.

"Es wird derzeit eine Gespensterdebatte geführt"

Für Sahra Wagenknecht, Wortführerin der Linksaußen-Parteiströmung "Kommunistische Plattform" innerhalb der Linken, sind SPD und Grüne dagegen auf Bundesebene keine Gesprächs- und Verhandlungspartner. " Agenda-2010-Mafia", nennt sie die beiden Parteien, als sie am Mittwochnachmittag in Leverkusen spricht. Von der kleinen Bühne, auf der sie steht, bis zu den Werkstoren des Chemiekonzerns Bayer sind es nur ein paar hundert Meter, aber auf dem Platz haben sich überwiegend Rentner versammelt. 50, vielleicht 60 Zuhörer sind gekommen, mehr sind es nicht. Wagenknecht warnt vor den "sozialen Untaten, die die anderen Parteien längst in den Schubladen haben".

Gedankenspiele über rot-rot-grüne Koalitionen findet Wagenknecht abenteuerlich. "Es wird derzeit eine Gespensterdebatte geführt: Die SPD ist in ihrer derzeitigen Verfassung für die Linke nicht einmal im Ansatz koalitionsfähig. Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück stehen für die Agenda 2010 und damit für unsoziale Politik."

Wagenknecht und ihre Genossen von Linksaußen waren lange nicht mehr so einflussreich in der Partei wie in den vergangenen Monaten. Als sie einen ersten Entwurf des Wahlprogramms als "weichgespült" kritisierten, verschärfte die Führung der Linken den Tonfall des Dokuments. Die 40-jährige Wagenknecht, von manchen "die schöne Kommunistin" genannt, tritt derzeit viel in Fernsehrunden auf. Auch sie kandidiert für den Bundestag. Dabei hat sie deutlich bessere Chancen als Brie, der um ein Direktmandat kämpft. In Nordrhein-Westfalen wurde Wagenknecht auf Platz fünf der Landesliste gewählt, der Einzug in den Bundestag ist ihr damit so gut wie sicher.

"Sie hat das Parlament lediglich als Plattform für ihre Ideologie genutzt"

Manche in der Bundestagsfraktion sehen das mit Skepsis: "Man kann nur hoffen, dass radikale Forderungen künftig nicht die Oberhand gewinnen", sagt eine linke Abgeordnete, die ihren Namen nicht veröffentlicht wissen möchte.

Brie und Wagenknecht säßen nicht zum ersten Mal in einer Fraktion, sollten sie im September beide in den Bundestag gewählt werden. Wagenknecht war zuletzt genau wie Brie Europaparlamentarierin.

Politische Freunde sind die beiden dabei nicht geworden. "Sie hat das Parlament lediglich als Plattform für ihre Ideologie genutzt", sagt Brie über Wagenknecht. Und auch Wagenknecht fällt nichts übermäßig Freundliches zu Brie ein: "Wir sind beide Mitglieder derselben Partei, mehr ist über unser Verhältnis nicht zu sagen."

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