2. Juli 2012

Bürgerkrieg gibt es bereits – Gefahr der Ausweitung zum offenen Krieg

Politikwissenschaftler Erhard Crome zur Lage in Syrien
Doberlug-Kirchhain Durchblick bekommen in dem Dschungel von unübersichtlichen Zusammenhängen im Nahen Osten, besonders in den arabischen Staaten und vor allem in Syrien, wollte die Linke im Elbe-Elster-Kreis. Dafür hatte sie den Politikwissenschaftler Erhard Crome vom Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu einer öffentlichen Informations- und Diskussionsveranstaltung eingeladen.
Dem langjährigen Experten für internationale Friedens- und Sicherheitspolitik, der sich vor allem mit Entwicklungen im Nahen Osten beschäftigt und darüber vielfältig publiziert hat, gelang am Freitag in Doberlug-Kirchhain eine überschaubare und schlüssige Analyse der Situationen im Nahen Osten. Dabei berücksichtigte er besonders die Veränderungen in den arabischen Staaten, die politische und militärische Situation im Iran und Syrien. Ein schwieriges Unterfangen, merkten die etwa fünfzig Zuhörer des Vortrages. Erhard Crome stellte die Verquickungen verschiedenster Interessenlagen in den Vordergrund seiner Analyse. Die der USA als Supermacht stünden ebenso im Fokus wie religiöse Konflikte, Machtinteressen von Königshäusern gegen säkularisierte städtische Machtstrukturen, verkrustete Familienmachtapparate und Stellvertreterinteressen von Staaten wie Russland, China, aber auch Frankreich und anderen europäischen Staaten. Territoriale Interessen von Israel und der Türkei kämen hinzu, wie berechtigte demokratische Forderungen einer unübersichtlichen Opposition, die diktatorische Machthaber wie Assad zum Teil auch mit Mitteln der Gewalt beseitigen möchte. Wenn für die Zuhörer auch nicht alle Zusammenhänge greifbar waren, wie Nachfragen zum Beispiel zur Rolle der UNO belegten, wurde doch deutlich, dass es Erhard Crome darum ging, gegen eine undifferenzierte und vereinfachte Sicht, wie er sie häufig in den Medien wahrnehme, zu argumentieren.
In Bezug auf die aktuelle Situation in Syrien wurde das in der Diskussion auch deutlich durch Erfahrungen von Gerd König aus Elsterwerda, die er 1983 bis 87 und als Exportverantwortlicher für ein Elsterwerdaer Unternehmen zwischen 2007 bis 2009 vor Ort sammeln konnte. Assad, hielt er gängigen Argumentationsmustern entgegen, habe in der Vergangenheit viel für das eigene Volk getan und deshalb bei einem Teil der Bevölkerung Rückhalt. Das System sei aber inzwischen zu einem diktatorischen Polizeistaat geworden. Die Macht habe sich verselbstständigt und Assad, so die Einschätzung, werde sich nicht halten können. Hier stimmte der Referent zu. Er sieht bereits einen Bürgerkrieg in Syrien im Gange. Dieser würde auch durch Waffenlieferungen aus dem Westen an Anti-Assad-Milizen unterstützt. Für ihn besteht die Gefahr eines Flächenbrandes, wenn es eine militärische Intervention der Nato gäbe.
Für Linken-Kreisvorsitzenden Joachim Pfützner, der die Veranstaltung organisiert hatte, und für seine Stellvertreterin Ute Miething, Moderatorin der Gesprächsrunde, haben zahlreiche Fragen gezeigt, dass mitunter große Unsicherheit bei der Beurteilung solch komplizierter Konfliktlagen bestehe. Deshalb sollen weitere Informationsabende folgen.

Jürgen Weser