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Rede am 5. Mai 2018 zum 200. Geburtstag von Karl Marx (05.05.1818 in Trier– 14.03.1883 in London)

In einer von Bertolt Brechts Kalendergeschichten ehrten die Teppichweber von Kujan-Bulak Lenin an seinem Todestage, indem sie anstatt ein Denkmal zu errichten, etwas Nützliches zum Wohle aller taten, nämlich indem sie das Fieber und die Mücken in ihrem Dorf bekämpften. Ehrung also durch die Tat.

Wie wollen wir heute an Karl Marx anlässlich seines 200.sten Geburtstages erinnern? Wie wollen wir seiner philosophischen Leistung gerecht werden? Können wir etwas Nützliches daraus ableiten? Um einen Ort zu haben, denn den braucht man, wenn man sich versammelt um zu ehren, stehen wir heute und hier an einer Büste des Karl Marx, deren bewegte Geschichte allein aber den Umgang und den Stellenwert von Karl Marx und seiner historischen Leistung in verschiedenen Epochen deutscher Geschichte beleuchtet.

Wilhelm von Humboldt, preußischer Gelehrter, Schriftsteller und Staatsmann, und Namensgeber der Universität in Berlin, formulierte: „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft“. Begeben wir uns also kurz auf die Spuren der Vergangenheit. Die Geschichte dieses Denkmals, an dem wir uns versammelt haben, ist auch Teil unserer eigenen, von vielen hier Anwesenden persönlich erlebten wechselvollen Vergangenheit. Poetisch ausgedrückt galt für diese Geschichte und gilt: „Es wechseln die Zeiten, die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag!“ wie Bert Brecht-Gedicht es in seinem „Lied von der Moldau“, künstlerisch ausdrückte.

Bis 1945 stand auf dem unweit von hier befindlichen Denkmalsplatz der Stadt, heute Parkplatz, zum Gedenken an die Toten des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 und der daraus resultierenden Gründung des Deutschen Kaiserreiches mit unverkennbarer Symbolik ein Kriegerdenkmal.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Untergang des faschistischen 1000 jährigen Reiches wechselten die Zeiten und es wurde wieder Tag. In der Folge wurde das Kriegerdenkmal, nein, nicht abgerissen, sondern als Teil deutscher Geschichte auf den Stadtfriedhof umgesetzt und an dessen Stelle eine aus Klinkern gemauerte Säule als Denkmal der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN mit einer schlichten Schale als Symbol der Erinnerung und Mahnung errichtet. Zum hundertsten Todestag von Karl Marx wurde 1983 die Schale durch diese Karl-Marx-Büste des Künstlers Hans Eickworth, Sohn des 1943 getöteten Widerstandskämpfers Alfred Eickworth, ersetzt, und der Platz, um Karl Marx zu ehren, in Karl-Marx-Platz umbenannt. Nachdem die Zeiten 1989/90 ein weiteres Mal wechselten, wurde diese Marx-Büste im Jahre 1994 in einem wohl nur als Akt der Bilderstürmerei, gegen solche schon der unlängst geehrte Martin Luther zu Zeiten der Reformation wetterte, zu bezeichnenden Vorgang entfernt. Die gewollte Symbolik der Handlung ist unverkennbar. Nachdem man sie einige Jahre im städtischen Bauhof eingelagert hatte, wurde die MarxBüste am 1. Oktober 1997 hier in der Ecke des Stadtparks, wieder aufgestellt. Weg von der Büste und hin zum Philosophen Karl Marx.

Die Frage nach der Aktualität seines Werks in der Gegenwart geistert angesichts des 200. Geburtstages durch die Medien und wird im Kontext aktueller weltweiter existentieller Krisen verschieden, teils konträr diskutiert und beantwortet, dabei von jeweiliger weltanschaulicher Sicht geprägt. Dabei spielt die entscheidende Rolle, auf welcher Seite ich mich im Sinne der marx’schen Klassendefinition befinde oder welcher ich mich zuordne. Auch Ablehner und Ignoranten, ich führe Herrn Knabe mit seinen Einlassungen im Zusammenhang mit der von der Trierer Gedenkstätte geplanten Aufstellung einer von China geschenkten Marx-Statue ins Feld, sollten allerdings zur Kenntnis nehmen, dass seine wissenschaftliche Leistung unbestritten ist. Ein Blick in die Wikipedia könnte als erster Beleg genügen. Spätestens seit dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise, die 2008 mit dem Zusammenbruch von Lehman and Brothers ihren verhängnisvollen Lauf nahm, ist die Kritik an wirtschaftlicher Ausbeutung und Ungerechtigkeit wieder lauter geworden und dadurch das Interesse an Karl Marx‘ Werk und seiner umfassenden Analyse der kapitalistischen Produktionsverhältnisse lebendiger als vorher.

Mit dazu bei trug selbst Papst Franziskus, der in seinem Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ auf die kapitalistische Produktionsweise bezogen kritisch feststellt, dass „diese Wirtschaft tötet“ und in seiner Enzyklika „Laudato si“ vertieft: „Das „Privateigentum ist nicht absolut und unantastbar“, im Gegenteil sei „die Unterordnung des Privateigentums unter das Gemeinwohl die goldene Regel des Zusammenlebens“.

Das atmet Nähe zu Marx und inspiriert auch Gläubige zum Nachlesen. Was macht Marx heute noch interessant? Schon Goethe ließ seinen Faust unermüdlich forschen, weil dieser erkennen wollte, „was die Welt im Innersten zusammenhält. Aus seinem Scheitern heraus verschrieb dieser sich der Magie, worauf Marx verzichtete, er blieb bei der Wissenschaft. Sein methodisches Vorgehen war dialektisch, und diese Herangehensweise lebt in Gestalt des dialektischen Materialismus zumindest philosophisch fort. Zeitgeschichtlich befand er sich mitten in der durch die Ausbildung des Kapitalismus geprägten Epoche der industriellen Revolution.

Das alte Feudalsystem hatte sich überholt und das Erstarken des Bürgertums und erste revolutionäre Regungen der Arbeiterklasse mündeten europaweit in die bürgerlich-demokratischen Revolutionen von 1848/49, die zwar nicht zu dem Ergebnis führten, das Marx erhoffte, aber die Menschheit durch diese Lokomotiven der Geschichte, marxsche Metapher für Revolution, zivilisatorisch in eine neue Epoche führten. In diese Zeit fällt 1848 die Entstehung eines programmatischen Textes, den Marx in Zusammenarbeit mit Friedrich Engels im Auftrag des damals noch geheimen und auf wenige Mitglieder beschränkten Bundes der Kommunisten, einer 1847 in London gegründeten revolutionär-sozialistischen Vereinigung, konzipierten und in London veröffentlichten.

Dieses Manifest war nichts anderes als eine erste öffentliche Erklärung der Ziele und Absichten des Bundes der Kommunisten, der sich die weltweite Befreiung des Proletariats von Unterdrückung und Ausbeutung zur Aufgabe gestellt hatte. Das Kommunistische Manifest enthielt zum ersten Mal die Grundpositionen der Theorie des Marxismus und hob den Klassenkampf und die internationale Solidarität des Proletariats als wesentliche Grundlagen für die Überwindung des Kapitalismus hervor.

„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ wird Slogan und Ziel dieser Absichten. Schon vor der Veröffentlichung des Manifestes begann ein im Einleitungssatz benanntes Gespenst in Europa umzugehen, das Gespenst des Kommunismus, gegen das sich alle Mächte des alten Europa zu einer heiligen Hetzjagd verbündeten, wie es dort heißt. Marx und Engels, die sprachlich wohl eine andere Intention hatten, ahnten damals nicht, dass ihre Metaphorik von damaligen und späteren Gegnern bis in unsere Zeit semantisch auf „Schreckgespenst“ verengt wurde. Neben dieser Metapher kennen die meisten Menschen aber auch eine wichtige These von Marx über Ludwig Feuerbach aus dem Jahre 1845.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Dies war nunmehr, rastlos forschend und revolutionär verändern wollend, auch sein eigener Anspruch. Wie aber sollte im marxschen Sinne die Welt verändert werden? In der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ äußerte Marx 1844 dazu: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“

Dem folgend wird im Manifest festgeschrieben: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedes Mal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“ Die gesellschaftlichen Verhältnisse und Werte seiner Zeit betreffend, erkennt Marx durch seine Arbeit am Kapital: Geld ist der neue Gott und Kapital die neue Regierung. Und wie sieht das heute aus? Wenn Geld der oberste Maßstab aller Dinge ist, dann gehen zu unser aller Schaden menschliche Werte und Moral den Bach hinunter.

Marx Hauptwerk ist unbestritten Das Kapital mit seiner Analyse und Kritik der kapitalistischen Gesellschaft mit weitreichenden Wirkungen in der Geschichte der Arbeiterbewegung und der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Karl Marx persönliche Ausgabe des "Kapitals" mit seinen eigenen Anmerkungen wurde im Juni 2013 von der UNESCO in das Weltregister des Dokumentenerbes aufgenommen. Die Schrift wird im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam aufbewahrt. Ich möchte in Anbetracht des zeitlichen Rahmens nur kurz auf zwei Erkenntnisse aus dieser Schrift eingehen, die im Grunde auch heute noch zutreffen. Zunächst nur als Fußnote, dann aber durch Marx in die Welt getragen, findet sich im Kapital eine Definition der ökonomischen Kategorie des Profits des Gewerkschafters Thomas Joseph Dunning, die das Ziel der kapitalistischen Produktion wie folgt beschreibt: (Thomas Joseph Dunning 1860 in seinem Buch Trades' Unions and strikes: Their philosophy and intention« erschienen)

„Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit, oder sehr kleinem Profit, wie die Natur von der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv und waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“ In seiner Kritik der neuesten deutschen Philosophie von 1845/46 erkannte Marx auch: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“

Marx und seine Gedanken waren und sind nicht die der herrschenden Klasse. Dies bedenkend sollte man Marx lesen, um sich ein eigenes Bild von Marx zu machen, um auf das gebrochene, teils verzerrte Bild des Mainstreams verzichten zu können.

Liebe Gäste, unsere Demokratie und darin wirkend auch unterschiedliche Ansichten, Meinungen und Überzeugungen, möchte ich zum Schluss kommen mit dem Appell, sich bei aller Verschiedenheit unseres Denkens ein weiteres marxsches Diktum, gespeist aus Hegels Dialektik, zum Grundsatz zu machen, denn Marx reduzierte seinen Freiheitsbegriff im Kontext des gesellschaftlichen Zusammenlebens auf einen einzigen prägenden fundamentalen Satz: „Der Andere ist nicht nur die Grenze, sondern die Bedingung meiner eigenen Freiheit.“ Unsere Welt wäre meines Erachtens eine bessere, wäre dies die Messlatte des Handelns aller, die politische und gesellschaftliche Verantwortung tragen. Was nicht so bekannt ist, Marx hat gelegentlich seine Gedanken auch in gereimte Form gefasst.

Mit einem Beleg dafür, der eine Aufforderung zum praktischen Tun beinhaltet, ich komme auf meinen Einleitungssatz zurück, möchte ich schließen:

Karl Marx:

Darum laßt uns alles wagen, nimmer rasten, nimmer ruhn, nur nicht dumpf, so gar nichts sagen, und so gar nichts woll’n und tun. Nur nicht brütend hingegangen ängstlich in dem niedern Joch, denn das Sehnen und Verlangen und die Tat, sie bleibt uns doch!

Joachim Pfützner Saathain, den 4. Mai 2018